Heute war ich mal für einen Tag in Berlin, um ein “Special Event” mitzuerleben, das von Lycos Europe veranstaltet wurde. Was tut man nicht alles, um der Bloggerchronistenpflicht gerecht zu werden? Außerdem hat Lycos den Flug bezahlt, die Häppchen waren lecker und die Catering-Mädels charmant. Der Rahmen stimmte also, aber hielt das Event auch, was es versprach? Ja und nein.

Worum ging es eigentlich? Lycos startet eine neue Plattform (was sonst?), die Teil von Lycos IQ ist und – grob gesprochen – “user generated discussions” zu beliebigen Themen ermöglichen soll. Nun ist das Internet als solches nicht gerade das Medium, in dem nicht schon seit einem Vierteljahrhundert lebhaft diskutiert würde, Stichwort Usenet und klassische Foren. Doch das hinderte den Produktchef Johannes Grabisch nicht daran, irgendwelche Superlative mit “weltweit erste moderierte Diskussionsplattform” in seine Begrüßungsrede einzubauen. Sei’s drum. Immerhin gibt es ein witziges Detail: Die Diskussionen sind zeitlich begrenzt und einzelne Argumente werden von den Teilnehmern bewertet, so dass am Ende tatsächlich entweder Pro oder Contra als Gewinner hervorgeht.

Das neue Produkt nennt sich folgerichtig “Lycos IQ Pro&Contra” und ist unter der Sub-Sub-Domain pc.iq.lycos.de zu erreichen. Wenn das mal nicht kompliziert ist. Ich hätte das Ding ja nicht als Submarke von IQ angelegt, sondern als gleichwertige Marke daneben. Aber angeblich ist die Plattform aus einem praktischen Bedürfnis der IQ-Community heraus entstanden. Die aktiven IQ-Nutzer haben offenbar ihre Plattform häufig dafür missbraucht, Diskussionen zu führen statt eindeutige Fragen zu stellen, auf die es eindeutige Antworten gibt. Dieses Bedürfnis soll nun offiziell befriedigt werden.

Prinzipiell will ich gar nicht soviel über die Plattform selber schreiben – da ist sicher das letzte Wort im Hinblick auf fragwürdige Features, Design und Usability noch nicht gesprochen. Und da praktischerweise die Macher anwesend waren, konnte ich meine Kritik auch gleich an geeigneter Stelle loswerden. Insgesamt: Vom Hocker haut mich das nicht unbedingt. Mehr Infos hier.

Viel spannender als die etwas dröge und unpersönliche Produktpräsentation – mit Stargast Michel Friedmann und ein paar Selbstbeweihräucherungs-Folien über Lycos IQ im Allgemeinen – war jedoch wie immer das Kuscheln im Anschluss! Zusammen mit Robert Basic, dem vicinia Macher Silab Kamawall und drei sympatischen Lycos-Leuten plauderten und fachsimpelten wir noch lange und ausgesprochen interessant über dies und das, und ich gewann einen Einblick in die Online-Welt außerhalb der Blogosphäre, sowie das Leben als Lycos-Angestellter. Ein Realitätscheck erster Güte. Ja, es gibt Leute, die kein Blog haben. Ja, diese Leute treffen sich trotzdem online und diskutieren. Ja, Lycos wird tatsächlich dafür benutzt. Und ist in irgendeiner Kategorie bestimmt auch Marktführer.

Michel Friedmann

In meiner bisherigen Wahrnehmung fand Lycos aber definitiv nicht statt. Denn trotz der starken Marke (die mit dem schwarzen Hund) – kein Mensch hat eine Lycos-E-Mail-Adresse, das Portal ist nur eines von Dutzenden mit identischem Inhalt und Services, und überhaupt: Sind Google und Yahoo nicht viel mehr sexy? Welche Rolle spielt Lycos überhaupt noch?

Nun habe ich drei Mitarbeiter kennen gelernt und dabei erfahren, dass es durchaus Internetplattformen geben kann, die in der Blogosphäre kaum eine Rolle spielen und trotzdem als erfolgreich gewertet werden können. Buzz in Blogs kann also nützlich sein, ist aber kein hinreichender Erfolgfaktor. Und: Man ist sich durchaus bewusst, dass man nicht sexy ist. Aber man plant auch, es wieder zu werden! Mehr sinnvolle und originelle Webservices, weniger klassisches Portal – so scheint mir die Devise zu sein. Gut so.

Alles in allem danke ich Lycos für einen sehr interessanten und kuscheligen Tag in Berlin, der mir gezeigt hat, dass es durchaus intelligentes Leben außerhalb der Blogwelt gibt. Also: Scheuklappen abgelegt! Persönlich nutzen werde ich IQ natürlich dennoch nicht, ganz einfach, weil ich einfach der Idee des dezentralen Diskutierens so sehr verbunden bin, dass ich mich nur schwer an den Gedanken gewöhnen könnte, dieses auf eine zentrale, kommerzielle Plattform auszulagern. Ob “Pro und Contra” dennoch ein Erfolg wird? Schwer zu sagen, aber größeres Potenzial als bei debatte.welt.de sehe ich allemal!

update: Aktuell ist die Seite von Pro&Contra leider down. Wahrscheinlich noch ein paar Bugs zu fixen.

Kommentare (1) 11.05.2007, gerritvanaaken

Hi Geret,

der Nachmittag war auch aus meiner Sicht das eigentliche Highlight. War super interessant mal externes Feedback zu hören, weil man sonst nur im eigenen Saft kocht. Also bis zur nächsten gemeinsamen Pizza!

Submitted by Thomas (not verified) on 13.05.2007.